| ALEA SIVE DE CURANDA LUDENDI IN PECUNIAM
CUPIDITATE LIBRI II
ist der Titel des Werkes des weitgereisten und kenntnisreichen
flandrischen Arztes Pâquier Joostens (latinisiert
Pascasius Iustus), dessen Lebenszeit in die turbulente
und ruhelose Epoche der Gegenreformation fiel. Als ehemaliger
Leibarzt des Grafen von Bergen op Zoom ließ Iustus
dem durch ein Attentat schwer verletzten Führer
der niederländischen Aufstandsbewegung, Wilhelm
von Oranien, eine medizinische Versorgung zuteil werden,
die ihm solchen Ruhm einbrachte, dass er in den Kreis
der Leibärzte des Herzogs Franz von Anjou aufgenommen
wurde, als Mediziner nicht nur unter seinen Berufsgenossen
sehr viel galt und noch im 18. Jahrhundert ein bekannter
Name gewesen sein muss. Seinem zweibändigen Traktat
über die Spielleidenschaft liegt ein einerseits
heftig kritisierter, andererseits hochgelobter Vortrag
zu diesem Thema zugrunde, den Iustus während eines
Aufenthaltes in der Universitätsstadt Bologna gehalten
hatte und den er zu dem vorliegenden Werk in zwei Bänden
ausweitete. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um
eines der frühesten neuzeitlichen Zeugnisse einer
Suchtschilderung, die nicht nur von medizinischem und
kulturhistorischem, sondern auch von rezeptionsgeschichtlichem
Interesse ist und die hier als erste moderne Textedition
mit Übersetzung und wissenschaftlichem Kommentar
vorliegt. Als Arzt und Patient in einer Person diagnostiziert
Iustus die Spielleidenschaft als seelischen und geistigen
Verfall. Unter steter Bezugnahme auf die antiken Philosophen
und Dichter, allen voran Aristoteles, Platon, Epikur
und Cicero, von den Dichtern immer wieder Homer, Vergil,
Horaz, Ovid sowie Terenz und im medizinischen Bereich
auf Hippokrates und Galen, widmet er sein umfangreicheres
erstes Buch der Symptomatik und Ursachenanalyse der
Spielleidenschaft, sein kürzeres zweites den Heilungsmöglichkeiten.
Im Grunde nicht negativ gegen das Spiel eingestellt,
erkennt und erläutert Iustus den Übergang
vom harmlosen Freizeitvergnügen zur selbstzerstörerischen
Sucht und gibt eine bestechend genaue Analyse eines
alle Gesellschaftsschichten durchdringenden Phänomens
– nicht nur seiner Zeit. |